Online Rechnen lernen

Marisa Janson arbeitet als Kursleiterin an verschiedenen Volkshochschulen in Berlin. Sie unterrichtet Mathematik für Schulabschlüsse, Ausbildung, berufliche Weiterbildung und das Studium. Seit Juli 2020 ist sie Tutorin im vhs-Lernportal für die Kurse „Rechnen“ und „Mathe“ zur Vorbereitung auf den Schulabschluss. Im Interview spricht sie über den Umstieg auf digitalen Unterricht und zieht ein persönliches Resümee.

Marisa Janson, Foto: privat

„Es gibt das Vorurteil, das Persönliche ginge verloren, wenn man sich ‚nur‘ digital sieht. Natürlich ist es eine andere Atmosphäre, aber man begegnet sich auf eine gewisse Art und Weise neu. Wir erleben viele lustige Situationen, die wir in Präsenz so nicht haben.“
Marisa Janson, Kursleiterin in Berlin

Interview mit Marisa Janson

Frau Janson, wie haben Sie es geschafft, trotz Kontaktbeschränkungen weiter in Ihren Kursen zu unterrichten?

Dank der vhs.cloud und dem vhs-Lernportal konnte ich direkt nach den relativ plötzlichen Schließungen der Volkshochschulen im März 2020 meine Kurse fortführen. Ich habe sofort die vom DVV angebotenen Schulungen für die vhs.cloud und das vhs-Lernportal wahrgenommen und dabei die Grundlagen online gestützter Kursangebote kennengelernt. Zu dieser Zeit bot ich einen Deutschkurs für Geflüchtete sowie einen Mathematik-Grundlagenkurs an. Für den Deutschkurs habe ich vor allem das vhs-Lernportal verwendet und für den Mathematik-Kurs die vhs.cloud.

Wie genau verlief die Umstellung auf den online gestützten Unterricht?

Beim Mathematik-Kurs in der vhs.cloud lief alles reibungslos. Wir konnten ohne Pause im Kurs weitermachen. Ich habe einen virtuellen Kursraum beantragt und die Zugangsdaten an die Teilnehmenden weitergegeben, die allesamt sehr glücklich waren, dass der Kurs fortgesetzt werden konnte. Vor allem diejenigen, die den Kurs zur Unterstützung ihres Schulunterrichts gebucht hatten, kamen über die Volkshochschule schneller zum digitalen Unterricht als in der Schule. Dabei war es ein Segen, dass die vhs.cloud schon länger verfügbar und erprobt war – man konnte quasi sofort loslegen.
In der vhs.cloud habe ich meine Unterlagen für den Unterricht hochgeladen und mit der virtuellen Tafel gearbeitet. Das Einzige, was ich ergänzend brauchte, war ein Tool für die handschriftliche Texteingabe. Und schon lief der Unterricht ähnlich wie im realen Kursraum.
Für den Deutschkurs nutzte ich vor allem das vhs-Lernportal. Hier benötigten die meisten Teilnehmenden Unterstützung beim Anmeldeprozess. Leider wurden digital gestützte Deutschkurse an „meinen“ Volkshochschulen nicht weitergeführt, sodass ich mich ab April 2020 um die Einrichtung weiterer virtueller Mathe-Kurse gekümmert habe, die ich bis heute sehr gerne anbiete.

Marisa Janson in ihrem Online-Kurs

Wie sieht eine Unterrichtsstunde im „digitalen Klassenzimmer“ üblicherweise aus?

Tatsächlich gibt es bei Mathe kaum einen Unterschied zum Präsenz-Unterricht. Ich lade die Aufgaben hoch und behandle diese mit den Kursteilnehmenden. Wir sind alle mit Kameras und Mikrofonen zugeschaltet und unterhalten uns ähnlich wie im realen Kursraum. Dank der Tafelfunktion im Videokonferenz-Tool in der vhs.cloud kann ich – wie an einer realen Tafel – ein dynamisches Tafelbild erstellen. Weil man die Zwischenstände per Screenshot sichern kann, kann ich verschiedene Lerntypen unterstützen: Die einen schreiben immer gleich alles, wie im Präsenzunterricht mit, weil sie so besser lernen. Die Menschen, die eher über das Zuhören lernen, können dies erst einmal tun und sich im Anschluss des Kurses die Mitschriften herunterladen und nacharbeiten. Ebenso wie im Präsenz-Unterricht bekommen die Teilnehmenden Input, können Fragen stellen und arbeiten zwischendurch selbstständig an Aufgaben, die ich ihnen präsentiere.

Wie hat sich die Lernatmosphäre in einer rein digitalen Arbeitsumgebung im Vergleich zum Präsenzunterricht verändert?

Es gibt oft das Vorurteil, dass das Persönliche verlorengeht, wenn man sich „nur“ digital sieht. Und natürlich ist es eine andere Atmosphäre – aber man begegnet sich auf eine gewisse Art und Weise neu. Wir erleben viele lustige Situationen, die wir im Präsenzunterricht so nicht haben: Bei einer Teilnehmerin läuft zum Beispiel das Kind ins Zimmer und will natürlich wissen, was die Mama da Interessantes macht, begutachtet den Bildschirm und merkt „Iiiiih Mathe!“ – und schon ist es wieder weg.
Oder vor zwei Tagen erst waren wir alle von unterschiedlichen Berliner Bezirken zugeschaltet, als wir feststellten, dass es mal bei der einen hagelte, mal beim anderen die Sonne strahlte und bei wieder einer anderen Teilnehmerin der Wind so heftig wehte, dass die Blumen auf dem Balkon umfielen – und so ging das Wetter reihum. In den anderthalb Stunden hatte jede*r mal Regen, Sonne, Hagel und Wind. „Huch, jetzt hagelt es auch hier in Kreuzberg!“ – „Echt? In Friedrichshain scheint die Sonne!“ Wir waren fasziniert wie Kinder, dass das Wetter innerhalb eines so kleinen Radius dermaßen schnell hin- und herwechseln kann. Solche Dinge lockern die Kurse auf, und man begegnet sich auf einer anderen Art doch sehr persönlich – so macht das Lernen Spaß.

Für die meisten der Lernenden ist das digitale Lernen vermutlich neu. Welche Rückmeldungen gibt es nach einem Jahr?

Ich würde die Reaktionen in drei Gruppen einteilen: Da sind jene, die es in einer Situation wie dieser super finden, dass es dieses Angebot überhaupt gibt und die Kurse nicht einfach ausfallen. Dazu gehören vor allem Personen, die sich in Aus- und Weiterbildung befinden und von anderen Einrichtungen, wie Schulen, bis heute kaum adäquaten Ersatz für den Präsenzunterricht erhalten haben.
Dann gibt es die, die anfangs überhaupt keine Lust hatten, sich mit Internet und Technik auseinanderzusetzen, es schließlich aber doch taten und dann mehrheitlich lernten, dass das alles doch kein Hexenwerk ist. Sie haben – ganz im Sinne der Volkshochschulen und des Prinzips vom lebenslangen Lernen – auf diesem Gebiet richtig was dazugelernt.
Schließlich – und das ist ein Lerneffekt, den ich hatte – gibt es Menschen, die erst wegen des digitalen Angebots überhaupt an Kursen der Volkshochschule teilnehmen konnten: Alleinerziehende, Menschen, die Familienangehörige pflegen, außerdem chronisch Kranke, die jetzt auch noch zusätzlich zur Risikogruppe zählen, oder jene, die das Angebot gut finden, aber niemals nach der Arbeit nochmal eine Dreiviertelstunde (wie in Berlin üblich) an eine Volkshochschule gefahren wären. In den Zeiten, in denen Präsenzkurse wieder erlaubt waren, wurde die Mehrheit meiner Kurse digital weitergeführt – weil es die Teilnehmenden so wollten.

Das heißt, einige konnten überhaupt erst durch das digitale Angebot einen Kurs beginnen?

Ja, genau. Ich verstehe die Argumentation vieler Volkshochschulen, dass man in den Stadtteilen wortwörtlich präsent sein möchte, da man damit auch einen niedrigschwelligen Zugang sicherstellt. Das ist wichtig und richtig für viele Menschen. Aber die Pandemie und der zunächst notgedrungene digital gestützte Unterricht haben mir gezeigt, wie viele es gibt, für die niedrigschwellig etwas ganz anderes bedeutet. Und ich denke, es wäre schön, wenn man dazulernt und beides abdeckt: Präsenz und online.

Der Artikel ist zuerst erschienen in dis.kurs – Das Magazin der Volkshochschulen, Heft 02/2021. Die Fragen stellte Andreas Baumann.


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